z! das zukunftsmagazin im Interview mit Dr. Anton Angerer und Dr. Manfred Wunsch

Hemmelrath ist ein innovatives Unternehmen. Welche Innovationspotenziale bei Lacken hat Ihr Unternehmen erschlossen?

Dr. Wunsch: Die Entwicklung des umweltfreundlichen Wasserfüllers für die Automobilindustrie im Jahre 1984 war ein großer Innovationssprung für uns als kleines mittelständisches Unternehmen. Mit diesem Produkt sind wir Weltmarktführer geworden und beliefern einen Großteil der namhaften europäischen Automobilhersteller. Ein weiteres Innovationsprojekt war 2006 die Umstellung der konventionellen Lackfertigung auf die modulare Lackfabrik. Neben der Automatisierung von Fertigungsprozessen ist diese Technologie ressourcen- und energiesparend wie keine andere. Sie wird heute durch unsere eigenständige Schwesterfirma Hemmelrath Technologies vertrieben.

Durch die frühzeitige Entwicklung von innovativen Wasserlacken wurden in den letzten zehn Jahren mehr als 50.000 Tonnen organische Lösemittel eingespart. Heute haben wir das komplette Decklackportfolio mit Wasserbasislacken, füllerlosen Technologien und Klarlacken, mit der wir unsere Globalisierung und immer neue Innovationen vorantreiben.

 

Wo sehen Sie weitere Innovationspotenziale für Ihr Unternehmen?

Dr. Wunsch: Mit der Gründung der Hemmelrath Nanotechnologies GmbH, einem Joint Venture mit dem Start-up-Unternehmen NanoSaar, erschließen wir die Nanotechnologie. Hier erforschen wir zu allererst deren Einsatz in allen Arten von Lacktechnologien. Für uns ein wirklich neues innovatives Betätigungsfeld.

 

E-Mobilität, „Autonomes Fahren“ und individualisierte Produkte sind Trends im Automotive-Bereich. Wie wirken sich diese Trends auf Hemmelrath aus und welchen Beitrag kann Ihr Unternehmen mit seinen Produkten für diese Trends leisten?

 Dr. Angerer: In der Elektromobilität sehen wir keinen Einfluss auf unser Unternehmen. Aber neuartige Mobilitätskonzepte wie Car-Sharing oder multimodale Transportangebote können ein Risiko im Hinblick auf den Absatzmarkt bedeuten. Ist der Nutzer nicht mehr der Besitzer des Fahrzeugs, ist die emotionale Bindung nicht mehr gegeben und die Optik des Autos z.B. hinsichtlich der Lackierung, ist nicht mehr wichtig. Auch die sich wandelnde Einstellung der Verbraucher zum Auto, also vom Statussymbol hin zum bedarfs- und nutzenorientierten Mobilitätsträger, kann negative Effekte für uns bedeuten. Nehmen Sie auch die Entwicklung neuartiger Autos wie das Google-Auto aus Kunststoff. Diese Fahrzeuge werden vermutlich eher mit Folien beklebt und somit individualisiert anstatt hochwertig lackiert. Daher sind wir dabei, unser Produkt- und Technologie-Know-how auf andere Geschäftsfelder außerhalb Automotive zu erweitern.

 

Und in Ihrem speziellen Segment? Wer definiert die Farbtrends und inwiefern haben Sie Einfluss darauf?

Dr. Wunsch: Farbtrends werden abgeleitet aus der Mode, dem Möbeldesign oder anderen Trendbereichen. Hieraus versuchen wir, Farbtöne zu kreieren, die dann in 3-5 Jahren auf den Markt und somit auf die Autos kommen könnten. Wir haben seit 3 Jahren eine eigene Styling-Abteilung, die Trends identifiziert, aufgreift und umsetzt und daraus eigene Farben kreiert. Im Vergleich zu unseren großen Wettbewerbern sind wir hier zwar noch Newcomer, aber im letzten Jahr konnten wir unseren ersten selbstdesignten Farbton bei Skoda platzieren – weitere werden folgen. Auch dies ist eine Serviceleistung, die wir selbst als kleine Lackfirma erbringen müssen, um als globaler Player akzeptiert zu werden.

 

Welchen Einfluss haben steigende Umweltschutzauflagen für die Lacke der Zukunft?

Dr. Wunsch: Das ist ein wichtiges Thema für uns. Es kommen immer wieder neue Auflagen für chemische Stoffe oder Lösungsmittel auf uns zu, die wir dann aus unseren Formulierungen herausnehmen und durch neue umweltfreundliche Produkte ersetzen müssen. Das ist ein überlebenswichtiger und teilweise auch innovativer Prozess. Wenn man den verschläft, kann es sehr schnell passieren, dass man keine Produkte mehr im Portfolio hat, die man in Europa, China oder USA verkaufen kann. Unser Fokus liegt daher auf der Entwicklung immer nachhaltigerer, ökonomischer und ökologischer Produkte und auf Produkten aus nachwachsenden Rohstoffen.

 

Autolacke müssen den unterschiedlichsten Anforderungen an Umweltbedingungen (Staub, Hitze, Kälte etc.) standhalten. Wie gestalten Sie Ihre Qualitätssicherung?

Dr. Wunsch: Diese Anforderungen werden durch unsere Kunden vorgegeben. Sie werden bei der Entwicklung unserer Lacke bereits berücksichtigt und bei Erstbemusterung von unseren Kunden geprüft. Jeder Rohstoff, der reinkommt, durchläuft ebenso wie jede einzelne Charge, die ausgeliefert wird, unsere Qualitätssicherung. Im Automobilbereich spricht man von einer 100% Kontrolle im Gegensatz zu statistischen Prüfungen. Das macht unsere Qualitätssicherung so aufwendig und teuer.

 

Industrie 4.0 und eine zunehmende Digitalisierung sind immer mit der Vorstellung verbunden, kleine Stückzahlen zu den geringen Kosten der Massenproduktion zu fertigen. Wird Hemmelrath künftig auch individualisierte Lacke und Farben anbieten? 

Dr. Angerer: Das machen wir bereits. Digitalisierung in der Produktion ist ein Muss – das gibt der Automotive-Kunde vor. Mit unserer automatisierten Fertigungsanlage kann jeder Klarlack auf die spezifischen Anforderungen des jeweiligen Kundenwerks zugeschnitten werden. Individualisierte Farben in Losgröße 1 werden derzeit nicht nachgefragt.

 

Sie sind ein internationales Unternehmen. Welchen Einfluss haben mögliche politische Entwicklungen, wie beispielsweise „Strafzölle“ auf ausländische Produkte, für Ihr Unternehmen?

Dr. Angerer: Da werden wir alle nur verlieren. Schlimm ist aber vor allem die Unsicherheit, was passieren wird. Wir können nur dann Entscheidungen treffen, wenn wir wissen wo die Reise hin geht.

 

Die Automobilindustrie steht vor großen Umwälzungen und sieht sich neuer Konkurrenz durch Unternehmen wie google und Apple gegenübergestellt. Was muss die deutsche Automobilindustrie tun, um ihre Technologieführerschaft zu behaupten?

Dr. Angerer: Die deutsche Automobilindustrie muss mutiger und schneller werden. Wir müssen uns trauen, Innovationen schneller umzusetzen. Wenn ein Produkt 4 Jahre braucht, um auf den Markt zu kommen, dann ist das einfach zu langsam. Unternehmertum und Risikobereitschaft müssen in Deutschland stärker werden.

 

Wo sehen Sie für Ihr Unternehmen die größten Herausforderungen in den nächsten Jahren?

Dr. Angerer: Das Thema Fachkräfte und gut ausgebildete Mitarbeiter sehen wir zunehmend kritisch. Die Technologien bekommt man hin, aber wir brauchen Menschen, die unternehmerisch denken. Wir haben in den letzten drei Jahren unseren Personalstamm verdoppelt. Wir merken, dass es schwerer wird, fachlich qualifiziertes Personal zu bekommen und wir merken, dass das unternehmerische Denken fehlt.

 

Wodurch zeichnet sich die Region Bayerischer Untermain aus Ihrer Sicht besonders aus?

Dr. Angerer: Sicher ist die Nähe zum Rhein-Main- Gebiet ein großer Vorteil. Mit der Hochschule und den Fachschulen gibt es in der Region gute Ausbildungsstätten. Aber für die Lackindustrie ist der nächste Ausbildungsort beispielsweise Stuttgart. Wenn wir Ingenieure oder Chemiker brauchen, ist es schwierig für uns, sie hierher zu bekommen. Die Region hat kein klares und scharfes Image und die unterschiedlichen Regionsbezeichnungen wie Bayerischer Untermain, Unterfranken, Churfranken etc. tragen auch nicht gerade dazu bei. Trotz des hohen Freizeitwertes muss noch mehr daran gearbeitet werden, eine „Marke Bayerischer Untermain“ über die Grenzen hinaus zu etablieren. Und in Sachen Infrastruktur, schnelles Internet etc. hat die Region leider noch Nachholbedarf.

2017-11-06T14:10:50+00:00 April 12th, 2017|